Die drei Haselnüsse

hazelnutsEs war vor langer Zeit, vor wohl über hundert Jahren, da lebte ein junges Mädchen und weil ihr Vater und ihre Mutter recht arm waren und Schulden hatten bei dem reichen Bauern im Ort, da musste das Mädchen von zu Hause fort und auf dem Hof des reichen Bauern als Magd arbeiten.
Sie arbeitete vom Aufgang der Sonne bis zu deren Untergang und wenn dann der Mond schon am Himmel aufzog, dann ging sie müde und beladen in ihre Kammer. Die war unter dem Dach und im Sommer war es dort drückend heiß und im Winter bitterkalt.
Und sie weinte so manche Nacht bitterlich und wünschte sich die Mutter herbei.
Die Zeit verging und die Jahre zogen in immer gleichem Rhythmus einher und das Kind wuchs heran.
Wohl zweimal oder dreimal im Jahr, im Frühling, im Sommer und bei Einbruch des Winters, da kam eine Bettlerin aus Böhmen durchs Dorf und klopfte an die Türen und bat um Almosen.
Der Bauer war hart, der jagte sie fort, doch die junge Magd, die lief ihr heimlich nach und steckte ihr Zwiebeln zu, Käse und auch ein Stückchen Brot. Und so ging es jahrein, jahraus.
Und einmal, da sagte die Bettlerin zu ihr: „Liebes Kind, du hast mir deine Güte gezeigt, ich komme nun nimmermehr, ich kann dir nicht viel geben. Doch nimm diese drei Nüsse und wenn du in Not bist, dann beiße sie auf und dir wird geholfen werden.“ Die Magd steckte die Haselnüsse in ihren Schurz und sah dem alten Weibe nach, dass hinter den Weiden verschwand.
Und wieder zogen die Jahre ins Land und der Bauer hatte Hochzeit gehalten und sein junges Weib lag in den Wehen.
Der Schmerz der Bäuerin war arg und das Wehklagen der Frauen, die um das Kindbett standen auch und die Hebamme tat ihr Bestes, doch das Kind lag verkehrt herum und wollte sich nicht drehen und kam nicht heraus. Und der Jammer war groß im ganzen Haus.
Da gedachte die Magd des alten Weibes und gedachte der Haselnüsse und dem, was das Weib gesagt hatte. Sie ging in ihre Kammer und zog aus dem Schub eine der Nüsse und biss sie auf und langsam aß sie den Kern und dachte bei sich: „Ach, wenn denn das Kind nur gesund zur Welt käme.“
Und kaum hatte sie es gedacht, da hörte sie den Schrei des Kindes und dem Bauern war ein gesunder Knabe geboren.
Und wieder zogen die Jahre ins Land und der Bub wuchs heran und die Magd kam in die Jahre, doch es fand sich keiner, der um sie anhielt.
Dann kam der große Krieg und der Sohn des Bauern mußte ins Feld. Er mußte weit weg von daheim und schrieb dass er in einem Graben stände und dass die Granaten das Feld umpflügen würden und der Schnitter Tod reiche Ernte hielte und dass er sich fürchten würde und dass der Tod ihm so nahe und dass alles so schrecklich sei und er sich wünschte daheim zu sein …
Die Bäuerin weinte sich Nacht für Nacht die Augen aus und der Bauer wurde noch härte als sonst und schimpfte und fluchte auf Gott und die Welt und schlug der Magd auch aufs Haupt.
Da ging die in ihre Kammer und gedachte dem alten Weib und zog die Lade auf und nahm eine Nuss heraus und biss sie auf.
Da sie aber stark zubeißen musste, da biss sie auch auf den Kern und dieser zerbrach. Sie hob die Stücke auf und während sie diese aß, da sagte sie: „Ach würde doch des Bauern´s Sohn
wieder aus dem Felde nach Hause kommen.“
Nach wenigen Tagen erreichte ein Brief den Hof und der junge Bauer schrieb, dass er nach Hause kommen werde, der Splitter einer Granate habe ihm zwar das Bein zerrissen, doch er werde überleben und sei schon in einem Zug in ein Lazarett daheim. Und die Jahre zogen ins Land und der Krieg ging vorbei und der junge Bauer war daheim und weil er ein Bein nachzog, da war er arg verdrossen und wurde so bös´ wie sein Vater und schimpfte und fluchte.
Und die Jahre zogen ins Land und auch der Bauer war in die Jahre gekommen und hatte ein Weib genommen, die hatte ihm eine Tochter geboren und sein Vater und seine Mutter waren längst gestorben.
Nur oben in der Dachkammer, da lebte noch die alte Magd und sie kam nur mehr selten herunter und konnte nichts mehr tun, als sitzen und schauen und sie sah´ das Treiben auf dem Hof und schaute auf das Mädchen, die Tochter des Bauern.
Und das Jahr verging und die alte Magd wurde schwächer und lag nur mehr im Bett und war schon fast vergessen von denen, die unten auf dem Hof die Arbeit machten und sich sputeten, denn der Winter stand vor der Tür.
Und dann kam der erste Schnee und es wurde ruhiger, denn es war Weihnachtszeit und im Haus roch es nach Gebäck und Gänsebraten und alle freuten sich auf die Heilige Nacht. Und am Abend wurden die Kerzen angezündet und Geschenke verteilt und die Gans gegessen. Dann gingen alle zur Mette und wieder nachhause und die Männer tranken Schnaps.
Oben in der Dachkammer war es ganz still, da lag nur die alte Magd und keiner dachte an sie.
Nur die Tochter des Bauern, die ging die Treppe hinauf und öffnete leise die Tür.
„Das Christkind“, dachte die alte Magd, „Das Christkind kommt zu mir“ und war ganz verwirrt. „Was kann ich ihm schenken?“ Und sie gedachte dem alten Weib und es fiel ihr die Haselnuss ein. Sie nahm aus dem Schub die letzte Nuss und gab sie dem Kind und konnte dazu nichts mehr sagen, denn es schwanden ihre ganzen Kräfte.
Drei Tage später wurde sie auf dem Kirchhof begraben. Wenige nur standen am Grab, dabei auch das Kind. Es hatte die Nuss in der Hand und als der Sarg in der Grube lag und der Pfarrer die erste Schaufel mit Erde hinunterwarf, da warf das Mädchen die Haselnuss in das Grab und als es sich umsah, da stand hinter ihr ein altes Weib und schaute nur stumm.

„dr. Bernd Thieser
eine Erzählung über die Percht, Adventskalender 2013“